Erklärung des Großmeisters

 

Die goldene Kette, von der schon Homer gesprochen hat, ist immer noch lebendig und aktiv!

Diese uralte Linie ist präsent, reich an Erbe und ihrer Aufgabe bewusst.

Im Schoss des ägyptischen Hellenismus von Alexandrien geboren, ist unsere ehrwürdige initiatorische Tradition – das Herzstück der neoplatonischen Tradition und speziell  ihrer syrischen Form – moderner denn je. Von Alexandrien bis Byzanz, nie hat die ogdoadische Tradition aufgehört, sich durch die Erfahrung ihrer Mitglieder zu bereichern. Nach ihrer Umstrukturierung im Florenz der Medici folgte sie ihrem Weg, bis sie 1897 ihre Existenz in ihrer heutigen Form offenbarte.

Der Orden Aurum Solis ist ein bemerkenswertes Beispiel einer initiatorischen Tradition, der von je das philosophische und theurgische Werk ihrer Mitglieder wichtiger war als die Suche einer flüchtigen und vergänglichen Macht.

Ehre aller meiner Vorgänger im Amt des Großmeisters im Rahmen dieser uralten Sukzession, und ganz speziell Vivian und Leon. Obwohl Vivian sich  nicht mehr in dieser Ebene der Wirklichkeit befindet, ist sie hier zu erwähnen.

Ich danke hiermit beiden noch einmal für die Qualität ihres Werkes und für ihre Willenskraft beim Ausführen dieses Werkes, das sie durch ihre ununterbrochene Mühe bis heute erweitert und bereichert haben. Jetzt hat das Amt des Großmeisters Hände gewechselt in einem Klima vollkommenen Vertrauens und in einer ausgesprochen feierlichen Atmosphäre nach den Riten unseres Ordens. Wir werden auf die Fundamente aufbauen, die sie gelegt haben, und diese lebendige Erinnerung sei Zeichen des Ernstes der Arbeit.

Aurum Solis setzt heute sein Werk fort im gleichen Geist, der bei seiner Geburt an den Küsten des Mittelmeers herrschte. All diejenigen, welche mit den öffentlichen Schriften von Aurum Solis vertraut sind, sind von der Exaktheit, der Klarheit, der Offenheit und dem Reichtum unserer Tradition ergriffen.

Ohne Zweifel ist der Platz unserer Tradition im Kern der hermetischen Strömung. Wir können ihre Spuren im Corpus Hermeticum ausmachen, hauptsächlich in den Texten des Neoplatonikers Asklepios und in den Werken von Jamblichus. Diese Elemente ergänzen bestimmte Aspekte der plotinischen Spiritualität. Wir  integrieren dieses philosophische Ideal in unseren Ansatz und dabei sorgen wir für ein harmonisches Gleichgewicht von Geist und Körper.  

Im Corpus Hermeticum (10:9) ist zu lesen: “ Die Tugend der Seele ist das Wissen, denn wer weiß, der ist gut und ehrfürchtig und schon göttlich.”

Der Weg von Aurum Solis beinhaltet die  eigene Kultivierung durch die klassischen Texte, welche die Wurzeln unserer Tradition ausmachen. Das ist die unabdingbare Grundlage für die Etablierung einer inneren Stabilität, die ein effizienteres theurgisches Werk ermöglicht. Aber dieses Wissen sollte nicht zum Dogma erhoben werden, das man ohne Prüfung hinnimmt. Der Eingeweihte, so wie wir ihn verstehen, ist in erster Linie ein Wissenschaftler und ein Skeptiker. Es geht ihm darum, zu lernen, zu beobachten, zu experimentieren und zu bezweifeln. Er muss sich selbst dauernd in Frage stellen, er soll nichts aufs Wort glauben und immerfort arbeiten.  Es mag seltsam klingen, wenn man sagt, der Eingeweihte sei ein Wissenschaftler. Doch sind die spirituellen und theurgischen Techniken, die wir vermitteln und benutzen, mit denen wir weiterexperimentieren und die wir weiterentwickeln, bloß Elemente eines Systems; sie sind nur die Mittel und dürfen auf keinen Fall als der eigentliche Zweck angesehen werden.

Wir verbinden dieses theurgische Werk mit einem inneren, philosophischen, manche würden sogar sagen, spirituellen Weg. Diese Dimension ist zwar präsent, aber sie kann nicht mit einer religiösen Praxis verglichen werden, wie sie zum Beispiel der Monotheismus versteht. Diese zwei Elemente sind nicht unvereinbar, aber der Eingeweihte als Handwerker hat es gelernt, zwischen dem Werkzeug und der es benutzenden Hand zu unterscheiden. Ich werde mich damit begnügen zu sagen, dass die religiöse Dimension ein Sich-Öffnen eines Wesens einem Anderssein gegenüber ist, das es akzeptiert als ein Element, was ihm dazu verhilft, sich zu erheben, dem er aber niemals unterworfen ist. Der Eingeweihte bewahrt immer einen kritischen Abstand zu jeder Erfahrung mystischer Natur, ohne sie aber deswegen zu verwerfen. Unserer Ansicht nach sind wir hier weit vom Dogma entfernt.

Unser philosophischer Ansatz gleicht an und für sich dem, was im 7. Buch der Politeia von Plato und dem platonischen Symposion beschrieben wird. Es geht darum, sich selbst nach der Methode von Sokrates kennen zu lernen und sich durch die Tugend und das Wissen zu erheben, zum Schönen, zum Guten, zum Einen, zum Nous. Wie der Gefangene in der Höhle, so werden auch wir es lernen, den Schein von der Wirklichkeit, den Schatten von dem Licht zu unterscheiden. Paradoxerweise aber versucht der in unsere Tradition Eingeweihte, der seiner Natur nach epikurisch ist, nicht vor der Welt zu fliehen, wie es die Stoiker, die Gnostiker oder später die Katharer oder andere religiösen Gruppen machen könnten. Wie Epikur sagte, geht es darum, von den Freuden dieser Welt zu profitieren, indem man sein Gleichgewicht im Respekt für die eigene Natur und für seine Umgebung findet. Wenn wir vollkommen verantwortlich und glücklich in dieser Welt sind, können wir uns ungehindert unserer Suche und Forschung widmen.

Wie schon erwähnt, beschränkt sich unser Weg natürlich nicht auf einen philosophisch-religiösen Ansatz; dieser ist zwar notwendig als Grundlage, genügt aber nicht. Das Herzstück von der ogdoadischen Tradition und ganz besonders von Aurum Solis ist die theurgische Tradition – manche würden sagen, die Hohe Magie. Die veröffentlichten Werke von Aurum Solis beschreiben einige der äußeren Aspekte der Praktiken des Ordens. Die Praktik der Theurgie entwickelt sich weiter, wie jede Wissenschaft. Seit der Geburt unserer Tradition hatten unsere Meister angenommen, dass es sowohl in uns selbst als auch außerhalb versteckte Dimensionen gibt. Verschiedene Techniken, die im Laufe der Jahrhunderte erfunden wurden, erlaubten es, diese Elemente experimentell zu bestätigen oder zu verwerfen. Ein sehr gutes einschlägiges Beispiel ist die Signaturenlehre. Mit der Zeit haben die Eingeweihten ein bedeutendes Ausmaß an praktischem Wissen zusammengetragen, welches jeder davon wiederum erlernt, bestätigt und   erweitert. Die Tugend eines Ordens wie Aurum Solis besteht darin, dass er auf antiken Grundlagen arbeitet, die sich ständig bis zur heutiger Zeit erweitern. „Wir sind immer da” könnte eine Parole sein, die zu uns passt.

Der Fortschritt in unserem Orden berücksichtigt diese philosophischen Entdeckungen und Tatsachen, um die Fixierung der Eingeweihten an ein Referenzsystem zu vermeiden.  Wir studieren und praktizieren anfangs hebräische kabbalistische Systeme, aber später auch andere, ganz verschiedenartig strukturierte Systeme. Auf diese Weise errichtet jeder Eingeweihte sein eigenes magisches Sein und geht dabei durch die verschiedenen Schleier der Illusion, bis er – falls möglich – zur “Wirklichkeit“ gelangt.

Es existiert jedoch in der Theurgie ein innerlicherer Weg, den bestimmte Orden wie z.b. die Golden Dawn mit der Offenbarung der berühmten Arbeiten zur “Kommunikation mit dem Schutzengel“ kaum berührt haben. Die hermetische Tradition besagt, dass der Mensch oder der Eingeweihte der Schöpfer der Götter war und höchstwahrscheinlich sollen wir in diesem Geiste einen großen Teil der von uns vermittelten theurgischen Tradition verstehen. Dazu werden wir nicht Weiteres sagen, denn einige Arcana können nicht ungestraft enthüllt werden.

Wie aus dem bisher Gesagten ersichtlich wird, erfüllt der Orden Aurum Solis sein Werk seit seiner fernen Geburt an den Küsten des Mittelmeers, seiner Wiedergeburt in Florenz und seiner Manifestation im Jahre 1897. In seiner Essenz ist es philosophisch, spirituell und theurgisch und es stellt die gleichen strikten Anforderungen an seine Brüder und Schwestern und an die Aspiranten. Er hat keinen kommerziellen Zweck. Was uns kennzeichnet, ist dass wir immer da sind und von Zeit zu Zeit den Fortschritt unserer Arbeiten bekannt machen, in einer Form, die wir entsprechend der Zeit wählen.

Im Orden gibt es interne und externe Arbeitsgruppen. Die Kontinuität ihrer Arbeiten und der Fortschritt der Mitglieder wird durch den initiatorischen und philosophischen Werdegang von Aurum Solis garantiert. Die von unserem Orden enthüllte ogdoadische Tradition ist von Zeit zu Zeit auch von anderen benutzt worden, aber ihr Herzstück und ihre internen Praktiken werden weiterhin von Aurum Solis nach den Prinzipien des Altertums vermittelt. In vollem Bewusstsein unserer Aufgabe und unseres reichen Erbes verfolgen wir unser Ziel und wickeln noch etwas von dem goldenen Faden auf, der uns die Kraft und das Leben bringt.

Julianus – Hekatyfy

Grossmeister des Ordens Aurum Solis

June 2003